Die 59. Internationale Orgeltagung der Gesellschaft der Orgelfreunde
in Nord-Brabant vom 31. Juli bis 6. August 2011

Michael Gerhard Kaufmann / Markus Zimmermann

Mit niederländischer Orgeltradition verbindet der Orgelfreund in der Regel die bekannten Orgeln in Alkmar und Amsterdam oder die legendären Wettbewerbe von Haarlem. Weniger bekannt sind die Orgelschätze im Süden der Niederlande, insbesondere die der Landschaft Brabant. Wissenschaftler wie Maarten Albert Vente haben sich vor allem der spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Orgelbaukunst in Brabant gewidmet. Heute finden sich hier vor allem Instrumente späterer Epochen mit einem hohen Anteil von Substanz aus dem 19. Jahrhundert. Den Bereich im Radius von rund 40 Kilometern um ’s-Hertogenbosch, die Provinzhauptstadt von Nordbrabant, galt es während der diesjährigen Orgeltagung zu erkunden.


Sonntag, 31. Juli
Die Grote Kerk in ’s-Hertogenbosch ist nicht, wie in den
meisten holländischen Orten, das dominierende Bauwerk,
sondern eine unscheinbar in die Häuserzeile eingefügte
reformierte Kirche – unter diesen allerdings die größte am
Platz. Der neoklassizistische Bau aus dem Jahr 1821 ist
mit Ausrichtung auf Altar und Lesepult unter der Empore
an der Längswand halbkreisförmig bestuhlt – ideale Bedingungen
nicht nur für die Tagungseröffnung. Diese wurde
von Eigenkompositionen eines außergewöhnlichen Duos
für Jazz-Gitarre, Rockgitarre, Synthesizer (Joep van Leeuwen)
und Orgel (Gero Körner) umrahmt. Die beiden Jazz-
Profis zauberten äußerst exotische, bisweilen sphärische
Klangkombinationen; die zweimanualige Bätz-Orgel, deren
Pfeifenwerk fast komplett von 1831 stammt, bot mit ihrem
sonoren Klang ein verlässliches Rückgrat für die wie im
Jazz üblich weitgehend aus Improvisationen bestehenden
Werke, darunter eine veritable Fuge. Indes konnten nicht
alle Zuhörer mit den teilweise abstrakten Werken etwas
anfangen. In seinem Festvortrag „Beziehungen zwischen
Deutschland und der Brabanter Orgelkunst“ bot der Orgelsachverständige
Frans Jespers einen ersten Überblick über
die Epochen, aus denen in den folgenden Tagen Instrumente
zu hören waren (vgl. Ars Organi H. 1/2011). Grußworte
sprachen der Präsident der GdO, Wolfgang Baumgratz,
der den Tagungsteilnehmern wünschte, „sich inspirieren
zu lassen“, und Bert Wisgerhof als einer der Vizepräsidenten
der GdO und Tagungsleiter. Beide dankten auch allen,
ohne deren Unterstützung die Veranstaltung nicht möglich
geworden wäre: den Gemeinden, den Busbegleitern
und besonders den weiteren für die Tagung verantwortlich
zeichnenden Orgelfreunden aus der Brabanter Orgelfederatie,
Piet J. Groenendijk, Wim van der Ros und Daniela
Stein, die seit Jahren die Orgelkultur in dieser Provinz fördern
und im besten Sinne populär machen.
Das markanteste Bauwerk der Stadt ist die monumentale
gotische Basilika St. Jan, einer der Höhepunkte
der brabantischen Gotik. Die gesamte Westwand wird
von einem üppig dekorierten Orgelgehäuse aus dem Jahr
1617 ausgefüllt. Das häufig veränderte Werk geht auf
Antonius Friedrich Gottlieb Heyneman (1787) zurück;
seine Gestalt suchte Orgelbau Flentrop 1984 wohl wiederzugewinnen.
Klanglich fallen flötige Prinzipale auf, was
dem Plenum zwar eine angenehme Milde gibt, aber im
weitläufigen Raum – je nach Abhörposition – etwas diffus
wirkt. Jacques van den Dool, seit 1966 Organist der
Grote Kerk, hatte sein Programm zweigeteilt: An Alten
Meistern waren Anthoni van Noordt, der kaum bekannte
Hendrick Speuy und Nicolas de Grigny vertreten. Während
die ersteren beiden erwartungsgemäß hier ,wie zu Hause‘
klangen, erstaunte die Strahlkraft der Zungenstimmen für
die Auszüge aus Grignys Premier Livre. Den zweiten Teil
umrahmte Van den Dool mit eigenen Psalmvertonungen,
zwischen die Manfred Kluges Fantasie in drei Rhythmen
(1956) eingeschoben war. Dieses Arrangement bot zwar
in seiner reformierten Sprödigkeit eine gewisse Harmonie,
in der man sich aber etwas zurechtfinden musste. Das in
den Raum einfallende und in diesem vielfach gebrochene
Abendlicht suggerierte dabei eine Korrespondenz zwischen
der abstrakten Formensprache der Musik und der
filigranen Architektur.


Montag, 1. August

Dieser Tag war mit mehreren Kirchen südlich von ’s-Hertogenbosch
überwiegend der Orgelbauerdynastie Smits aus
Reek gewidmet. Der Vergleich zeigte eindrucksvoll, wie
stilistisch vielseitig und musikalisch sensibel diese vorwiegend
autodidaktisch ausgebildeten Orgelbauer vorgingen.
In Boxtel, St. Petrus, stellte Kees van Houten mit Praeludium
und Fuge e-Moll BWV 533 (Zungenplenum) sowie
einer Auswahl aus Bachs Orgelbüchlein die aus dem Jahr
1842 stammende Orgel in einem noch barock anmutenden
Gehäuse (III/37) in vielen Facetten vor. Dabei kamen
zwar für das Instrument charakteristische Registrierungen
zu Gehör, die allerdings dem musikalischen Kontext
nicht immer (weil teilweise zu dick) zuträglich waren. Die
romantische Seite des Werks offenbarte sich sodann in
Regers Introduction und Passacaglia d-Moll in verblüffend
überzeugender Weise. Zum Gedenken an Jan Jongepier
(† 31. Juli 2011) erklang als Zugabe Bachs Choralvorspiel
Vor deinen Thron tret’ ich hiermit BWV 668.
Obwohl nur zehn Jahre später gebaut, ist die dreimanualige
Orgel in Schijndel, St. Servatius, schon tief
in der Romantik ,angekommen‘ – nicht nur wegen ihres
neugotischen Gehäuses. Das Positiv ist ins Untergehäuse
integriert und hat die Funktion eines Nebenwerks ohne
Mixtur, dafür mit Trompete und durchschlagender Harmonica,
letztere in Bass und Diskant geteilt. Das Oberwerk
enthält einen als Krummhorn intonierten Basson (B), dessen
Fortsetzung eine Diskant-Oboe ist, dazu eine leise,
durchschlagende Vox humana. Mit diesem Fundus konnte
Kees van Houten Brahms’ Elf Choralvorspiele op. 122 in
teilweise trickreiche (etwa Cantus firmus aus gekoppelten
2'-Registern im Pedal), aber stets passende Registrierungen
kleiden, die mitunter an die Ästhetik des Klaviers
angelehnt waren. Das Moment des Poetischen kam durch
den fast vollständigen Verzicht auf Agogik und Tempo
rubato dabei allerdings ein wenig zu kurz. In einem deftigen
Zungenplenum folgte Bachs Fuge F-Dur BWV
540 – durchaus plastisch und musikantisch, für manchen
Geschmack etwas ,krachert‘.
Ein Beispiel gediegener Intonation wohl aus den
1970er Jahren mit akzeptablem, Spuckanteil‘ gab es in Sint
Oedenrode, St. Martinus, zu hören. Die Orgel (Franciscus
Cornelius Smits I, 1839, II/22, Pedal 2005 durch Flentrop
ergänzt) wurde für die Vorgängerkirche gebaut und 1915 in
den jetzigen Raum versetzt. Im Gegensatz zu den vorher
gehörten Instrumenten wirkte sie elegant, prädestiniert für
die galanten Werke von Mozart, Rellstab und Knecht, die
Gerrie Meijers in sprühender Leichtigkeit vortrug. Freilich
versuchte sie, auch Lefébure-Wélys Offertoire d-Moll und
Gigouts berühmte Toccata h-Moll den kammermusikalischen
Verhältnissen anzupassen, was im Fall des Offertoriums
etwas ,verloren‘ wirkte und die motorische Gigout-
Toccata beinahe zum Cembalostück werden ließ.
Wiederum eine üppige, Barock-Orgel steht in
Oirschot, St. Petrus’ Banden („in vinculis“). 1846 hat
Franciscus Cornelius Smits I dieses opulente Werk (III/45)
für die St.-Pieterskerk in ’s-Hertogenbosch gebaut. Nach
der Kirchenschließung 1973 war es stark beschädigt und
wurde 1978 durch Verschueren in Oirschot wieder aufgebaut,
repariert und restauriert. Neben prächtigen Plena bietet
die Disposition als Exotikum eine Harmonica, die hier
als leises Regal gebaut ist. Kees van Houten setzte sie denn
auch effektvoll in den archaisierenden Lyrischen Stücken
op. 12 (1868) von Edvard Grieg ein. Damit demonstrierte
er überzeugend, wie gut sich impressionistische Klavierliteratur
auf diesem Orgeltyp einrichten lässt. Bachs Praeludium
und Fuge C-Dur BWV 545 und Hendrik Andriessens
Sonata da chiesa (1927) rundeten das Programm ab, wobei
letztere stilistisch an die Grieg-Stücke anknüpfte.
Gewiss ein Höhepunkt der Tagung war das anschließende
Glockenspielkonzert, das man bei strahlendem Sonnenschein
auf dem Kirchplatz genießen konnte. Auf einem
50-tönigen Ensemble (1970) bot Arie Abbenes von ihm
selbst sehr gut eingerichtete Bearbeitungen von Vincent
Lübeck (Praeludium E-Dur), Carl Philipp Emanuel Bach
(Sonaten d-Moll und g-Moll), Georg Böhm (Freu dich
sehr, o meine Seele), Heinrich Scheidemann (Fantasia)
und Nicolaus Bruhns (Praeludium e-Moll). Es war herrlich,
der differenzierten und sensibel artikulierten Kunst
des Carilloneurs zu lauschen. Auch das wohlklingende
Glocken-Ensemble ermüdete selbst bei diesem langen und
anspruchsvollen Programm nicht. Eine schöne Idee und ein
vor allem für die Niederlande typischer Tagungsbeitrag:
Extralob für die Initiatoren!
Ebenfalls zu den herausragenden Erlebnissen dieser
Woche zählte das Abendkonzert, das Ben van Oosten in
Eindhoven, St. Catharina, mit seinem großartigen Spiel auf
der 1936 von L. Verschueren gebauten Hauptorgel gab. Mit
Bach-Bearbeitungen von Liszt, Elegie-Fugue und Marche
Triomphale von Guilmant sowie Pastorale von Franck
hatte er bereits eine vorzügliche Programmwahl getroffen,
um die transparenten, subtilen und sinfonischen Qualitäten
der großen Verschueren-Orgel (1936, 1947, 1950) zu zeigen,
unterstrichen durch den großen und ruhigen Gestus der
Interpretation. Vollends in ihrem Element waren Künstler
und Orgel bei Jehan Alains Variations sur l’Hymne Lucis
Creator (1932) und der Auswahl aus Marcel Duprés Sept
Pièces op. 27 (1931) – nicht nur der zeitlichen Nähe wegen.
Während bei elektrisch angesteuerten Orgeln dieser Zeit
(hier gar mit verbeultem Zinkprospekt) der Klang häufig in
mehrere Schichten (Romantik + Orgelbewegung) zerfällt,
überraschte hier eine homogene, kräftige und dennoch stets
edle Tongebung. Einziger Wermutstropfen: Die merkwürdig
trockene Akustik des riesigen neugotischen Raums sog
die gebotene Pracht allzu schnell auf.


Dienstag, 2. August
Diese Orgeltour führte in den nahen Osten mit einer ersten
Station in Oploo, St. Matthias. Theo Visser kredenzte Klassisches
aus dem Grenzbereich Orgel / Cembalo / Klavier –
passend zum Instrument von J. D. Nolting & Zoon aus dem
Jahr 1790. Nach wechselvoller Geschichte wurde es 2009
durch Pels & Van Leeuwen restauriert. Seine hellen Klangfarben
kamen den leichtfüßigen Stücken von Kirnberger
und Mozarts Variationen „Ah, vous dirai-je, Maman“ entgegen;
Gravität bewies die Orgel in drei Großen Praeludien
des späten Bach-Schülers Johann Christian Kittel. Angesichts
der zielsicheren Interpretation und einiger raffinierter
Registrierungen bei Mozart nährte sich einmal mehr die
Vermutung, dass der Komponist durchaus die Aufführung
auf der Orgel im Sinn gehabt haben könnte. Dagegen fiel bei
Rincks Flöten-Concert die Länge des ersten Satzes auf; im
Adagio trübte das verstimmte Krummhorn den Hörgenuss.
Mit ihrer massigen Doppelturmfassade ist die neugotische
St.-Martinuskerk im Stadtbild von Cuijk mit seinen
typisch niederländischen Häuschen nicht zu übersehen.
Wer würde in dieser etwas groß geratenen Dorfkirche eine Orgel
vermuten, die auf das Jahr 1650 zurückgeht? Andries Severijn
schuf das dreimanualige Werk für die Laurentius-Abtei
in Lüttich. 1992 rekonstruierte Verschueren ,Posityf‘ und
Echowerk, neu gefertigt wurden Pedal, Bälge und Klaviaturen.
,Standesgemäß‘ erhielt das Werk laut Programmheft
eine mitteltönige Temperatur mit 1/5 Komma, die sich jedoch
als eher mittelmäßig entpuppte. Begeistert und begeisternd
führte die junge Organistin Tineke Steenbrink („Ich
bin verknallt in diese Orgel!“), in Utrecht und Köln mit
Schwerpunkt für alte Tastenmusik ausgebildet, in ihr Programm
ein. Dieses umfasste mit Storace, Cornet und Byrd
eine sinnvolle Auswahl passender Musik aus verschiedenen
Regionen und unterstrich die Vielseitigkeit des im Grundton
französisch orientierten Instruments. Eine Bearbeitung
von Bachs Andante aus der Violinsonate a-Moll BWV 964
bildete einen wunderbaren, elegischen Ruhepunkt; klavieristisch-
spritzig ging Steenbrink das Concerto C-Dur BWV
976 (nach Vivaldi) an. Mit eher zurückhaltenden Verzierungen
überzeugte die Interpretin durch klares, zügiges Spiel.
Gleich zwei Orgeln besitzt die Antoniuskirche in
Schaijk. Während die Hauptorgel (Pels & Zoon, 1930,
II/20) erst 2004 wieder aus langem Dornröschenschlaf
erweckt wurde, hatte Verschueren 1971 im Chor die Orgel
aus Velp aufgestellt. Sie stammt von 1754 und ist von
Matthijs van Deventer gebaut worden, 1854 durch Smits
um ein ,Positief‘ erweitert. Wie viele englische Instrumente
hat sie zurückhaltende, aber tragende Grundstimmen, darüber
ein kräftiges Solo-Cornett nebst Trompete – ideal für
William Boyce Voluntary in D-Dur, mit dem der Organist
und Orgelsachverständige der Evang. Kirche in Hessen
und Nassau, Thomas Wilhelm, seine Vorführung eröffnete.
Angenehm zu hören waren auch Anthoni van Noordts Fantasia
in G sowie eine intime Version von Bachs Partita O
Gott du frommer Gott. Bei Krebs’ Praeludium und Fuge
in B-Dur geriet der Wind und damit die Klarheit etwas ins
Wanken. Für die Hauptorgel hatte Wilhelm aus den Cathedral
Windows von Karg-Elert Kyrie und Ave Maria ausgewählt
sowie dessen Choral-Improvisation und Fuge aus
Bachs Motette „Singet dem Herrn“. Während die sinnlichschlichten
Kathedralfenster auf der Terrassendynamik dieser
typischen spätromantischen Dorforgel gut aufgehoben
waren, vermisste man bei der Motetten-Paraphrase wegen
der Brüche im dynamischen Aufbau etwas die Feinkunst;
vor allem die überaus rustikale Trompete klebte das Klanggewebe
zu.
Fast ins Elsass versetzt fühlte man sich im nachklassizistischen
Ambiente der St.-Lambertuskerk in Nistelrode,
nur dass die Orgel eben nicht von Stiehr oder Rabiny
stammt, sondern 1858 von Matthieu H. van Dinter gebaut
wurde, letzte Überarbeitung 1997 durch Flentrop. Sie zeigt
durchweg französisches Design mit einigen Zutaten an
Flöten bei angehängtem Pedal. Für François Couperins
Messe des Couvents (Kyrie und Gloria) nahm sich Piet J.
Groenendijk viel Zeit mit ruhigen Tempi und sehr linearer,
schlichter Interpretation, fast ohne Ornamente. Das
wirkte zunächst entspannend, auf die Dauer aber ermüdend.
Etwas willkürlich waren Alternatim-Elemente aus Henri Du
Monts Messe de sixième ton (17. Jahrhundert) eingeschoben,
gesungen von Ilse van Wuijckhuijse (Mezzosopran).
Warum diese Kombination statt Gregorianik? Bemerkenswert
waren einige Registrierungen, so etwa das Duo von
Prinzipal und Flöte (in Ermangelung einer Voix humaine)
im „Dialogue sur la voix humaine“ (Gloria). Eine Offenbarung
– leider zu sehr im Takt – war Schmücke dich o
liebe Seele von Brahms, nur mit der Quintade gespielt. Das
Gegenteil folgte auf dem Fuß: ein pappiges, verstimmtes
Zungenplenum für O wie selig seid ihr doch ihr Frommen
als Kehraus.
In knapp bemessener Vorbereitungszeit hatte der
Dresdner Kreuzorganist Holger Gehring sein Abendkonzert
in der Basilika St. Jan in ’s-Hertogenbosch äußerst findig
und abwechslungsreich einregistriert. Das Praeludium
e-Moll von Nicolaus Bruhns realisierte er, den Hall besonders
bei den Phrasen im stylus phantasticus nutzend – in
norddeutscher Manier mit mischfähigen Zungenstimmen in
den Plenum-Abschnitten, kontrastierend hierzu die dunklen
Prinzipale. Die Ciacona f-Moll von Johann Pachelbel
erwies sich unter Gehrings Händen als barockes, virtuoses
Großwerk. Sehr licht gestaltete er Bachs Concerto d-Moll
und die Triosonate G-Dur. Trotz der recht flotten Tempi
in den Ecksätzen transportierte der Raum die linearen,
kleineren Registrierungen sehr gut, was sich auch bei der
Zugabe (Bachs Trio „Herr Jesu Christ dich zu uns wend’“
BWV 655) zeigte, das nur mit Flöten und Gedackten zu 8'
gespielt wurde. Weniger vorteilhaft übermittelte die Akustik
Bachs Praeludium und Fuge e-Moll (BWV 548) – trotz
der untadeligen Interpretation mit reichlich Verve.


Mittwoch 3. August

Am Vormittag fand ein Symposium in der Grote Kerk zu
’s-Hertogenbosch statt. Nur bedingt standen die Vorträge
in Zusammenhang mit der Tagung bzw. der Landschaft
Brabant, war doch das Generalthema „Umgang mit historischen
Orgeln“. Michael Gerhard Kaufmann hielt ein
Grundsatzreferat zur Orgeldenkmalpflege, wobei er außer
deren Geschichte auf die Problematik bei der Anwendung
des Begriffes „Restaurierung“ hinwies, unter den von Renovierung
(ohne und mit Veränderung) an bis hin zur teilweisen
Rekonstruktion ganz verschiedene Arten des Eingriffes
in die Substanz subsumiert werden, die für jeden Einzelfall
zu definieren sind. Auch die bisher von den Denkmalbehörden
nicht geleistete Differenzierung zwischen Material- und
Klangdenkmalpflege zugunsten einer Ausschließlichkeit der
ersten bei Konservierungen bzw. Restaurierungen war ein
Thema. Rogér van Dijk berichtete über eine zwischen 1871
und 1875 erbaute Orgel von Friedrich Meyer, die heute in
der St. Josephskirche in Utrecht steht und deren aufwändige
Restaurierung und Teilrekonstruktion 2010 beendet
worden ist (vgl. Acta Organologica Bd. 31). Henk Kooiker
erörterte anhand des Beispiels der während der Tagung zu
hörenden Orgel von Thomas Houben in Sprang die Frage
nach einem möglichst plausiblen Restaurierungsziel. Peter
van Rumpt zeigte nach einer Einführung in die Tätigkeit
der Orgelbauwerkstätte Pels & Van Leeuwen (’s-Hertogenbosch)
weitere Exempel der Restaurierung von Denkmalinstrumenten.
Wies van Leeuwen referierte über die Architektur
von Kirchenbauten der Gegend. Dabei kam er auf
die Bedeutung des Katholizismus im 19. Jahrhundert zu
sprechen und interpretierte die vielen beachtlichen neugotischen
Kirchen als Orte der Sehnsucht und Identifikation.
Am Nachmittag gab es Gelegenheit, ,offene Orgelbühnen‘
in ’s-Hertogenbosch zu besuchen, wobei es nicht ganz
leicht war, mehrere dieser Orte zu erreichen. In der Lambertuskerk
im Stadtteil Vught präsentierte Bert Wisgerhof
die von Pels & Van Leeuwen 1979 ursprünglich für die
Immanuelkerk in Koudekerke erbaute und 2008 am neuen
Ort in veränderter Form wieder aufgestellte Orgel. Mit ihrer
neobarocken Disposition war sie ideal geeignet für Böhms
Partita Freu dich sehr, o meine Seele und Bachs C-Dur-
Triosonate BWV 529.
Auf der kleinen, 1974 von K. B. Blank & Zoon errichteten
Orgel in der Bethelkerk spielten Anastasia Bykova
und Maria Makarenko Werke aus dem 17. bis 20. Jahrhundert
für zwei und vier Hände, darunter zum Teil speziell
arrangierte Stücke von Murschhauser, Bach, Haydn, Mozart
und Mikael Tariverdiev. Improvisationen gab Jacques van
den Dool an dem bereits oben erwähnten Instrument in der
Grote Kerk.
In die längs-elliptische reformierte Wederkomstkerk
von 1966 baute Pels & Zoon eine Orgel, die 30 Jahre später
umdisponiert und nachintoniert wurde. Gehäuse und
Disposition muteten gleichermaßen steil, ,reformiert‘, an;
doch welch angenehme Überraschung: ein nicht zu spitzes
Plenum, reichlich Grundton und ausnehmend seidige Prinzipale.
Hendrik Jan de Bie führte das als Blickfang vorne
im Raum stehende Instrument mit Georg Böhms Praeludium
C-Dur sowie dessen Choralvorspiel Vater unser,
Julius Röntgens Passacaglia a-Moll sowie einem Choral
mit Trio, Introduktion und Fuge von Jacob Bijster (1958)
vor. Während sich der Organist in die Barockmusik mit
seiner Artikulation sehr überzeugend einfühlte, wirkte der
Vortrag der übrigen Stücke etwas steif; dafür entschädigte
bei Röntgen eine bei diesem Orgeltyp unerwartete Gleitdynamik
in Ansätzen.
Alle handwerklich Interessierten hatten auch die Möglichkeit
zu einem Rundgang durch die Orgelbaufirma Pels &
Van Leeuwen. In der modern und großzügig eingerichteten
Werkstatt waren zwei in Arbeit stehende Projekte zu sehen,
ein in Vormontage befindlicher Neubau und eine Restaurierung,
zwei schöne Beispiele für den hohen Anspruch der
seit nunmehr über hundert Jahren bestehenden Werkstatt.
Vater und Sohn Van Rumpt sowie den Mitarbeitern sei für
den herzlichen Empfang, die freundliche Bewirtung und die
auch heute im Orgelbau leider noch immer nicht selbstverständliche
Bereitschaft gedankt, umfassenden Einblick in
ihre Arbeitsweise zu gewähren. (Bericht über den Werkstattbesuch:
Matthias Wirth)
Ein architektonisches Kuriosum ist die Kirche St.
Catharina in ’s-Hertogenbosch. An den neuromanischen
Zentralbau von 1914 schließt sich ein Chorteil des 16.
Jahrhunderts, an dessen Stirnseite sich hinter dem Ziborien-
Altar das Orgelgehäuse erhebt. Das darin befindliche
Werk enthält Bestandteile von 1851, 1915 und 1956; 2007
erfolgte eine Aufarbeitung durch Verschueren. Die Disposition
(III/41) ließ ein Sammelsurium aus Spätromantik
und Neobarock befürchten, das sich klanglich allerdings
als sehr konsistent und im Hauptraum erstaunlich präsent
erwies. Diese Mehrschichtigkeit ist wie geschaffen für die
farben- und inhaltsreichen Hiob-Meditationen des 2007 verstorbenen
böhmischen Komponisten Petr Eben. Meisterhaft
brachte Gerrie Meijers alle Facetten des anspruchsvollen
Zyklus zur Geltung. Klar waren die gregorianischen und
evangelischen Choräle zu hören; eine bezaubernde Open-
flaut dominierte in der zweiten Meditation. Die Einführung
und Zwischentexte sprach Michael Gerhard Kaufmann.


Donnerstag, 4. August
GRUPPE A
Am Vormittag besuchte man zwei Kirchen in Tilburg,
einer Großstadt in der Mitte der Provinz Nordbrabant. Ad
van Sleuwen stellte ihre Orgeln vor und überzeugte mit
seinem soliden, unprätentiösen Spiel. Seine Programme
waren durch die Auswahl praktisch unbekannter Werke und
Bearbeitungen besonders anregend. Die Orgel der Pauluskerk
wurde von Joh. Heinrich Hartmann Bätz 1765 für die
Vorgängerkirche gebaut, in die 1823 fertiggestellte heutige
Kirche übernommen und zuletzt 2006 durch Van Vulpen
restauriert. Sie verkörpert einen Typus, der einem heutigen
Organisten nicht gerade bequem ist, denn sie besitzt ,nur‘
ein Manual mit elf Registern, und das Pedal ist ohne eigene
Register an das Manual angehängt. Intensität und Direktheit
des Klangs sind wegen des kleinen Kirchenraums
beachtlich. Das Programm umfasste Werke von Gottfried
Heinrich Stölzel, Jean-Joseph Boutmy und Elias Brönnemüller.
Die St. Jozefkerk (erbaut 1872 – 89) besitzt zwei
Orgeln. Die eine (II/12) wurde von François Bernard Loret
1859 für eine andere Kirche in Tilburg gebaut und steht
seit 2008 nach einer Restaurierung durch Elbertse Orgelmakers
(Soest) in der St. Jozefskerk in der Vierung. Ad
van Sleuwen stellte sie mit Werken von Lemmens, Carolus
Fredericus van den Bogaert und François-Joseph Fétis
angemessen vor. Danach spielte er auf der größeren, von
Gebr. Smits 1894 für die St. Jozefskerk gebauten und 1990
von Elbertse Orgelmakers restaurierten Orgel (II/29) die
Sonate Nr. 5 c-Moll des vor gerade hundert Jahren verstorbenen
Alexandre Guilmant und bewies damit, dass die
Eignung einer Orgel für diese Musik nicht linear von der
Registerzahl abhängt.
Am Nachmittag gab es in St. Caecilia zu Berkel-
Enschot eine Orgel zu hören, die durch eine Besonderheit
aus dem Rahmen fällt; sie besitzt nämlich ausschließlich
Holzpfeifen. Die Werkstatt G. C. Klop in Garderen, die
sich auf Orgeln mit Holzpfeifen spezialisiert hat und durch
ihre Truhenorgeln bekannt ist, hat hier 1993 ein größeres
Werk mit der für Holzpfeifen typischen milden Klanggebung
gebaut (II/14, im Pedal nur drei Transmissionsregister).
Matthias Schneider nahm sich dankenswerterweise
einer heute selten gespielten Komposition aus den
fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts an (Marienbilder
von Siegfried Reda), stellte diesem nicht leicht zugänglichen
Werk beziehungsvoll das Magnificat primi toni von
Dietrich Buxtehude gegenüber und spielte zum Abschluss
die Sonate Nr. 6 g-Moll von Carl Philipp Emanuel Bach.
Bemerkenswert, dass er ohne die Hilfe eines Registranten
auskam. Den Abschluss dieser Orgelfahrt bildete die Orgel
in Hilvarenbeek, St. Petrus, 1838 – 43 von B. P. van Hirtum
aus Hilvarenbeek gebaut und zuletzt 2005 durch Hans van
Rossum restauriert. Das in beiden Manualen reich besetzte
Werk besitzt ein nur vierregistriges Pedal. Ad van Sleuwen
stellte es vor mit Werken von Kindermann, Boëly, François
Couperin und Haydn, bei dessen Sinfonie Nr. 44 sich die
Problematik solcher Übertragungen auf die Orgel zeigte;
trotz des angenehmen Orgelklangs und der Virtuosität des
Spielers wirkte das Stück durch seine Länge ermüdend.
(Bericht über die Gruppe A: Martin Balz)

GRUPPE B
Diese Gruppe besuchte Orgeln in mehreren reformierten
Kirchen westlich von ’s-Hertogenbosch. Das feuchtwarme
Klima schien sowohl den durch- als auch einschlagenden
Zungenregistern ,auf die Kehlen‘ und den Mixturen ,in
die Chöre‘ geschlagen zu haben. Dennoch wurde reichlich
von den kräftigen Rohrwerken Gebrauch gemacht, so
in der Hervormde Kerk in Waspik. Erik van der Heijden,
seinerzeit Mit-Tagungsleiter in Maastricht und Münster,
stellte die Orgel des Matthaeus de Crane von 1767 vor. Das
zweimanualige Instrument mit üppig besetztem Hauptwerk,
knapp disponiertem Positiv und angehängtem Pedal war
laut Programmheft nur 1958 von Flentrop restauriert und
von derselben Firma 1981 neu intoniert worden. Die Temperierung
wurde nicht verraten; die Tonhöhe scheint deutlich
über a1 = 440 Hertz zu liegen. Sinnvollerweise griff
Van der Heijden überwiegend auf Clavier-Music zurück:
Pachelbel (Toccata C und Aria Sebaldina – letztere sehr
schön intim registriert), Bach (Toccata G-Dur BWV 916 –
italienische Einflüsse, hier spritzig cembalistisch gespielt)
und Georg Böhm. In dessen Jesu, du bist allzu schöne hielt
der Interpret die Spannung, was angesichts der vielen, sich
ähnelnden Variationen nicht leicht ist. Den Abschluss bildete
Böhms Praeludium, Fuga und Postludium in g. Sehr
instruktiv war bei dieser Präsentation der detaillierte Registrierplan.
Wechselvoll ist die Entstehungsgeschichte der Hervormde
Kerk in Sprang, die in ihren ältesten Teilen auf die
Zeit um das Jahr 1400 zurückgeht. Hier sollen sich sonntags
noch heute über 500 Gläubige zum Gottesdienst versammeln; sie könnten mit der kräftigen Orgel ,concertiren‘,
die Thomas Houben 1728 für Dordrecht, Eglise Walonne,
geschaffen hat. Trotz der Arbeiten von Flentrop im Jahre
2010 blieb ein deutliches Windzittern; Probleme bereitete
auch das teilweise dünne Pfeifenwerk. Bachs Passacaglia
c-Moll mit Fuge machte Gerben Budding zu einem klanglich
heftigen Einstieg; mit permanenter Zungenregistrierung
und stimmungsbedingt quietschenden Terzen sowie aufgrund
der für das Stück ungünstigen Repetitionspunkte ,hüpfenden‘
Mixturen absolvierte er das Stück kraftvoll-zügig.
Der abrupte Registerwechsel am Ende von Johann Ludwig
Krebs’ Freu dich sehr o meine Seele führte in eine himmlische
Klangwelt. Das gilt auch für den wunderbaren Basson,
der in Herr, ich habe missgehandelt dieses Bach-Schülers
erklang. Unruhe im Spiel mag die Fluten des Jordans (BWV
684) sinnvoll darstellen; in der Triosonate e-Moll hätte fließende
Bewegung in den schnellen Sätzen genügt. Die gab
es dafür im Andante mit zauberhaften Flöten.
Wolfgang Baumgratz fiel die undankbare Aufgabe zu,
nach der Mittagspause in der Kerk aan de Haven, Waalwijk,
zu musizieren. Wohl deshalb ging er das Fugenthema
in Bachs Fantasie c-Moll (BWV 537) bewusst kraftvoll an.
Seines Lehrers Albert de Klerk gedachte Baumgratz mit
zwei Etüden (1949), dem Psalm 150 und den subtilen Variationen
über Gott ist mein Lied (1984), dessen Melodie von
Carl Philipp Emanuel Bach stammt. Das Filigrane in De
Klerks Kompositionen (sie wurden soeben bei Boeijenga
ediert) wie ebenso in Fantasie und Fuge c-Moll (Wq 119,7)
von Carl Philipp Emanuel Bach arbeitete er fein heraus.
Etwas zäh wirkte die ,künstlich‘ angelegte Fuge über die
Tonbuchstaben „Fede a Bach“ (Der Glaube an Bach) von
Marco Enrico Bossi. Die Orgel des Cornelis van Oeckelen
(Breda) von 1823 erlebte in den letzten 70 Jahren eine
Menge Veränderungen; 2008 wurde sie durch Pels & Van
Leeuwen restauriert. Vor allem ihre streichenden Prinzipale
kamen den dargebotenen Werken zugute.
Ein weiterer Schüler von Albert de Klerk, Bernard
Bartelink (* 1929), sprang dankenswerterweise für den
erkrankten Jaco van de Werken ein und übernahm die Vorführung
in Heusden, St. Catharina. Bartelink wurde auch
bei Gaston Litaize ausgebildet, war langjähriger Organist
der St. Bavokathedrale in Haarlem sowie beim Concertgebouw
Orchester und überzeugte als souveräner Interpret.
Klar und ,zugkräftig‘ waren die ineinander verzahnten
Linien in Sweelincks Hexachord-Fantasia herausgearbeitet;
auch François Roberdays Fugue und Caprice waren alles
andere als langweilige alte Meister. Die Temperierung nach
Werckmeister III kam den Stücken sehr zugute. Sie störte
auch keineswegs bei den Klassikern Carl Philipp Emanuel
Bach (Sonate F-Dur) und Mozart, dessen Variationen über
ein holländisches Lied („Laat uns juichen, Batavieren“)
erklangen, komponiert im Alter von etwa zehn Jahren.
Spielfreude und Farbigkeit kamen hier nicht zu kurz, bevor
mit Jesu meine Freude von Johannes Gijsbertus Bastiaans
(1812 – 1875) und Bartelinks Partita piccola „Lumen ad
revelationem gentium“ wieder ernstere Töne angeschlagen
wurden. Bis dahin hatte sich der Organist der Zungenregister
enthalten; im letzten Satz seiner Partita ,röhrte‘ es dafür
verstimmt im Kanon pedaliter. Die Orgel aus 1828 gelangte
erst 1983 nach Heusden und stammt von N. A. Lohman, der
viel Pfeifenwerk aus dem 18. Jahrhundert verwendet hat.
Die Versetzung sowie die neuesten Arbeiten 2007 besorgten
die Gebrüder Reil. Nach der Vorführung blieb noch Zeit für
einen kurzen Rundgang durch die Festungsstadt und den
pittoresken Hafen.
Originelle Besetzung und Literatur bot das Abendkonzert
in der Grote Kerk von ’s-Hertogenbosch mit Kammermusik
für Sopran, Druckluft-Harmonium, Klavier und
Violoncello. Originalkompositionen und Bearbeitungen
von Alexandre Guilmant, César Franck, Alfred Lebeau,
Dom Paul Leboît, Edgar Tinel, Hugo Becker, Camille
Saint-Saëns, Conradin Kreutzer und Charles Gounod entführten
die Hörer bald in ländliche Kirchen ohne Orgel,
bald in die Musiksalons der belle époque. Vertrautes (Panis
angelicus, Granada-Ouvertüre und Ave Maria) wechselte
mit Raritäten. Christel de Meulder (Sopran), Ann Engels
(Violoncello), Jan van Mol (Harmonium) und Ad van
Sleuwen (Klavier) formierten sich zu einem so abwechslungsreichen
wie homogenen Miniatur-Orchester, das etwa
das oft geschmähte Ave Maria („Bach/Gounod“) mit den
sphärischen Klängen der orgue expressif in neues Licht
tauchte und zu Recht als Komposition von Gounod mit
Bach-Anteilen präsentierte.


Freitag, 5. August
Nach der Mitgliederversammlung (siehe dazu deren Protokoll
in diesem Heft auf S. 276 ff.) führte die nachmittägliche
Exkursion zunächst in die neugotische Kirche St.
Lambertus (mit Kathedralausmaßen) von Helmond. Hier
steht eine Orgel mit deutlich französischem Zungenschlag,
die Guillaume Robustelly 1722 für die Prämonstratenser in
Averbode gebaut hat. 1822 wurde das stattliche dreimanualige
Werk samt Prospekt hierher überführt, 1862 verändert
und um ein Pedal erweitert; Verschueren restaurierte
es 1954 und 1975 mit überzeugendem Ergebnis. Der Klang
ist kräftig, die Plena sind ausgewogen. In den Mittelpunkt
seiner Darbietung hatte Jan van de Laar Mozarts großes
Konzert-Rondo KV 382 (Bearbeitung: Monika Henking)
gestellt, das der Komponist eigentlich nur seiner Schwester
und sich zugedacht hatte, wohl der heiklen Verzierungen
wegen. Hier fehlte es nicht an Schwung und Elan, dennoch
,kämpfte‘ man sich etwas durch die vielen Ritornelle.
Zuvor waren Dandrieus Magnificat a-Moll in edler Manier
und mit besonders schönem Récit zu hören, ebenso eine
Fantasia d-Moll des Abraham van den Kerckhoven, die
ebenso gut als spanischer Tiento durchginge. Von den beiden
Boëly-Stücken begeisterte vor allem das Quatuor mit
Cromorne und Voix humaine. Bei Bach (Trio Herr Jesu
Christ dich zu uns wend BWV 668 und Concerto a-Moll
BWV 1065; Bearbeitung von Guy Bovet) fehlte es allerdings
an der zuvor so gut gehaltenen Spannung.
Einen Aha-Effekt gab es zum Schluss des Orgel-Reigens
in Deurne, St. Willibrordus. Die ebenfalls weitläufige
Kirche ist im Kern spätmittelalterlich, aber neugotisch
verändert und in jüngster Zeit mit Großbildschirmen, Teppichboden
und Studiobestuhlung auf ein merkwürdiges
High-Tech-Design,
'gebürstet‘. In einem wuchtigen Orgelgehäuse
stehen ganze 17 Register, 1838 von Smits begonnen;
2009 – 11 Rückführung durch Verschueren in den Originalzustand.
Die kompakte Disposition hat es allerdings
in sich, noch mehr die Intonation, die bei aller Kraft keineswegs
derb wirkt. Jan van Mol präsentierte genüsslich
die beachtliche Bandbreite: Nach dem strengen Präludium,
Fuge und Postludium in g von Georg Böhm ging es in
dessen Capriccio in D schon lockerer zu. Über Knechts
Kleines Flötenkonzert, Michel Correttes Pièces pour orgue
dans un genre nouveau à l’usage des dames religieuses et
à ceux qui touchent l’orgue (wer damit wohl gemeint ist?)
gelangte Van Mol auf ansprechend natürliche Weise und
mit Augenzwinkern in die Abteilung „kirchenmusikalische
Schlager des 19. Jahrhunderts“. Jacques Claude Adolphe
Miné und Carolus Fredericus van den Boogert boten dafür
ebenso unbekannte wie gelungene Kostproben.


Samstag, 6. August
Noch einmal versammelte man sich in der Grote Kerk,
zunächst, um die dortige Orgel „in nuce“ zu hören. Jacques
van den Dool hatte dafür Werke aus Spätbarock, Romantik
und Impressionismus ausgesucht, die wiederum neue
Facetten des Instruments akzentuierten. Erstaunlich wendig
und filigran fiel Carl Philipp Emanuel Bachs Sonate
Nr. 5 d-Moll aus, während Mendelssohns Praeludium und
Fuge Nr. 3 die fülligen Grundstimmen ausschöpfte. Stilistisch
gut harmonierten Zoltán Kodálys Vier Epigramme mit
van den Dools EG/EUR Rhapsodie, deren Themen unter
einem spätromantischen akustischen ,Rettungsschirm‘ gut
versteckt waren.
Den ökumenischen Abschluss-Gottesdienst in Form
eines christlichen Morgenlobs hielten Günther Nörthemann
(römisch-katholische Kirche) und Hendrik Jan de
Bie (Protestantse Kerk in Nederland). Jacques van den
Dool schmückte die Gesänge mit abwechslungsreichen
Begleitungen und improvisierte zu Anfang und Schluss in
bewährter Weise. In seiner Ansprache zum Tabor-Evangelium
(Matthäus 17, 1 – 13) ging Nörthemann auf das Erleben
besonderer Orte und das Zu-Hören als eigenständigen
Akt von Glauben und Verkündigung ein.
Sehr angenehm fiel den gut 170 Teilnehmerinnen und
Teilnehmern auf, dass diesmal keine langen Busfahrten zu
absolvieren waren. Auch der musikalische wie instrumentenbauliche
,rote Faden‘ mit Orgelkunst des 19. Jahrhunderts
wirkte positiv. Bedauerlich dagegen war, dass in den
meisten Fällen weder aus dem Programmheft noch aus den
mündlichen Ausführungen vor Ort klar wurde, aus welcher
Epoche im Wesentlichen die noch vorhandene Substanz der
mehrfach veränderten Orgeln stammt; gerne hätte man auch
das angestrebte Ziel der jeweils letzten Restaurierung erfahren.
Selbst der bereits oben erwähnte vorbereitende Artikel
von Frans Jespers „Orgelkunst in Nordbrabant“ half hier
nur bedingt weiter. Viele Orgeln stehen zudem in einer ihrer
stilistischen Intention unpassenden Temperierung (gleichstufig),
von den teils erheblichen Verstimmungen ganz zu
schweigen, die das feucht-heiße Klima verursacht hatte.
Leider glänzten auch die meisten Orgelbauer durch Abwesenheit,
die zu den Werken hätten Auskunft geben können
oder vielleicht noch rasch die gröbsten Ausreißer wieder in
die Linie zurückgezwungen hätten. Die Qualität der musikalischen
Darbietungen schwankte erheblich, und dies teilweise
innerhalb einzelner Programme. Zusammen mit den
durchaus willkommenen Registervorführungen waren diese
in einigen Fällen etwas lang, so dass das sattsam bekannte
Tagungs-Syndrom „rein in die Kirche, Musik hören – raus
und ab zum Bus“ nicht ausblieb. So fehlte es oft an Zeit
für die Besichtigung mancher schöner Orte und der anderen
Kunstwerke in den Kirchen. In der Tat bietet die reiche
Kulturlandschaft Brabant mit ihren vielen transferierten
– also geretteten – Orgeln nicht nur Entdeckenswertes,
sondern auch reichlich Anknüpfungspunkte an Bekanntes:
etwa die französisch orientierten Zungenregister, die aus
dem Rheinland vertrauten Orgelanlagen (hinterspielig, mit
ins Untergehäuse integriertem Positiv) oder den nach wie
vor an den großen barocken Orgeln niederdeutscher Provenienz
ausgerichteten Prinzipalaufbau selbst bei Instrumenten
bis weit ins 19. Jahrhundert. So lohnte die Reise dorthin
allemal und animiert zur privaten Wiederholung.